Ilhéu de Baixo Porto Santo: Felsinsel mit Geschichte

Ilhéu de Baixo Porto Santo
Ilhéu de Baixo Porto Santo Michael Gaylard CC BY 2.0

Vom Hauptstrand aus sieht man sie fast den ganzen Tag. Ein dunkler Felsblock vor der Ponta da Calheta, gut 200 Meter vom Ufer entfernt, klein genug um ihn zu übersehen, groß genug um aufzufallen. Der Ilhéu de Baixo, auch Ilhéu da Cal genannt, ist eine der interessantesten Stellen im Madeira-Archipel, geologisch wie historisch. Die meisten Urlauber auf Porto Santo fotografieren ihn, wissen aber nicht, was dahintersteckt.

Zwei Namen, eine Insel

Die Insel hat zwei offizielle Bezeichnungen und das ist kein Zufall. Ilhéu de Baixo bedeutet übersetzt kleine untere Insel, schlicht eine Lagebeschreibung. Ilhéu da Cal dagegen bedeutet Kalkinsel und verweist direkt auf ihre Wirtschaftsgeschichte. Der Kalkstein, den man dort abbaute, inspirierte schließlich die Taufe des Eilands als Ilhéu da Cal. Beide Namen sind in Gebrauch, auf Karten tauchen mal der eine, mal der andere auf.

Wie sie entstanden ist

Der Ilhéu da Cal war einst mit der Hauptinsel verbunden. Seine Abtrennung entstand durch Erosionsprozesse nach der letzten Eiszeit und die Ablagerung von äolischen Formationen im Holozän, vor weniger als zehn bis zwölf Tausend Jahren.

Auf dem Eiland lassen sich Hyaloklastite, Schichten aus karbonatischen Riffablagerungen und Konglomeraten, submarine Basaltflüsse und Basalttuffe aus dem mittleren Miozän beobachten. Die Oberseite des Eilands ist von quartären äolischen Ablagerungen bedeckt.

Kurz gesagt: Wer Geologie mag, findet hier auf wenigen hundert Metern Fläche ein Lehrbuch aus Stein. Schichten aus verschiedenen Erdzeitaltern liegen übereinander, sichtbar für jeden der nah genug rankommt.

Die Kalksteinbergwerke: Wirtschaftsgeschichte auf einer Felsinsel

Das ist der Teil, der in keinem Reiseführer ausführlich steht, der aber die Insel erst verständlich macht.

Porto Santo war über Jahrhunderte von extremer Trockenheit geplagt. Ab 1940 vergingen zwölf Jahre ohne Regen. Jeder auf der Insel gefundene Rohstoff hatte deshalb seinen Wert verdoppelt. Das galt auch für den Kalkstein des Ilhéu de Baixo.

Auf dem Eiland wurden Kalksteinbrüche angelegt. Unter hohen Kosten aus Bergwerken und Stollen abgebaut, wurde der Kalkstein mit dem Boot auf die Mutterinsel transportiert und dort in Kalk für Gebäude umgewandelt, nicht nur für Porto Santo selbst, sondern vor allem für Madeira. Porto Santo lieferte Kalk, Madeira schickte im Austausch Gemüse, Obst und andere Lebensmittel zurück, die auf der trockenen Insel kaum zu bekommen waren.

Der Kalkstein wurde in großen Öfen mit umgekehrter Kegelform gebrannt. Es gab siebzehn davon. Sie setzten ein intensives Aroma frei, das die Ureinwohner der Insel manchmal überall wiedererkannten.

Mehrere Stollen wurden in die Kalksteinablagerungen getrieben, die zwei durchgehende Schichten über das gesamte Eiland bildeten. Diese Stollen sind heute noch sichtbar, wer nah genug ans Wasser fährt. Von der Ponta da Calheta aus erkennt man die dunklen Öffnungen in den Klippen.

Tauchen rund um den Ilhéu de Baixo

Über der Wasseroberfläche ist das Eiland unbewohnt und nicht betretbar. Unter Wasser ist es einer der interessantesten Tauchplätze im gesamten Atlantik.

Es gibt mehrere verschiedene Tauchstellen dicht an der Westküste des Ilhéu de Baixo, die als Tagestouren mit zwei Tauchgängen angefahren werden. An der Engrade Grande do Ilhéu de Baixo wird bei Bootstouren ein Stopp zum Schwimmen und Schnorcheln eingeplant.

Im offenen Wasser gibt es eindrucksvolle Untiefen mit Basaltformationen, an denen die Sichtweiten oft die 70-Meter-Marke überschreiten. Im Gegensatz zu den dunklen Lavariffen Madeiras sorgen vor Porto Santo viele helle Sandflächen und mit Algen überzogene Sandsteinriffe für ein ganz anderes Flair.

Die Tauchbasis Rhea Dive in Campo de Baixo fährt den Ilhéu de Baixo regelmäßig an. Auf der Rückfahrt können mit etwas Glück Delfine, Wale und Meeresschildkröten beobachtet werden.

Wer nicht taucht, kommt mit dem Kajak von der Ponta da Calheta aus nah genug heran, um die Felsstruktur und die alten Stollenöffnungen aus dem Wasser heraus zu sehen. Das dauert keine zwanzig Minuten.

Vom Strand aus: der beste Blick

Vom Hauptstrand aus ist der Ilhéu de Baixo im Westen sichtbar, am deutlichsten von der Ponta da Calheta aus. Am Restaurante O Calhetas an der Ponta da Calheta sitzt man abends mit Blick auf die vorgelagerte Insel. Das Abendlicht trifft den dunklen Basalt aus dem richtigen Winkel und macht aus dem unbetretbaren Felsblock für eine Stunde ein fotogenes Motiv.

Morgens liegt das Eiland im Gegenlicht, nachmittags direkt in der Sonne. Wer Fotos will, kommt eine Stunde vor Sonnenuntergang an die Ponta da Calheta.

Ein Ort ohne Zugang, aber mit Geschichte

Der Ilhéu de Baixo ist offiziell nicht für Besucher zugänglich. Es gibt keine Anlegemöglichkeit, keinen Weg rauf, keine Genehmigung für Ausflüge auf den Fels selbst. Die Geschichte steckt deshalb ausschließlich im Gestein, das man von außen sehen kann, und unter Wasser, wo die Taucher sie finden.

Für alles andere reicht der Blick von der Küste. Manchmal ist das genug.

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