Wer zum ersten Mal von der heilenden Wirkung des Sandes auf Porto Santo hört, ist erst einmal skeptisch. Zu sehr klingt das nach Tourismusprospekt. Die Geschichte ist aber älter als der Tourismus auf der Insel, und hinter dem Schlagwort „Heilsand“ steckt tatsächlich etwas, das sich lohnt, genauer anzuschauen.
Inhaltsübersicht
Warum dieser Sand anders ist
Der Sand von Porto Santo ist fast 35.000 Jahre alt. Er entstand zu einer Zeit, als Porto Santo ein tropisches Klima hatte und viermal so groß war wie heute. Die Wassertemperatur, das Licht und die Nahrungsverfügbarkeit jener Zeit schufen Bedingungen für die Entwicklung einer bestimmten Meeresflora. Was geblieben ist, sind versteinerte Überreste von Meerestieren und Algen, besonders rote mikroperforierte Algen, die Wärme und Energie speichern und den Sand so besonders machen.
Konkret bedeutet das: Studien der Universitäten Oslo und Aveiro haben herausgefunden, dass der Sand von Porto Santo kohlenstoffhaltig und biogen ist. Er enthält Mineralien wie Magnesium, Kalzium, Phosphor, Schwefel und das natürlich entzündungshemmende Strontium. Es handelt sich um einen glatten, sehr feinen Sand mit leichter Haftung an der Haut.
Das ist der Unterschied zu einem normalen Quarzsandstrand. Der Sand auf Porto Santo kommt nicht aus dem Gestein, sondern aus dem Meer selbst. Er ist organischen Ursprungs.
Was das Strontium damit zu tun hat
Strontium ist der Schlüssel. Das Strontium im Sand ist als natürliches entzündungshemmendes Mittel bekannt. Entzündungsprozesse sind an vielen Gelenkerkrankungen beteiligt, von Rheuma bis Arthrose. Ein Stoff, der diese Prozesse dämpft und gleichzeitig durch die Haut aufgenommen werden kann, ist deshalb medizinisch relevant.
Der Mechanismus funktioniert so: Ziel ist es, den Körper zum Schwitzen zu bringen. Die Schweißsäure löst die Sandpartikel auf, wodurch Kalzium, Magnesium und Strontium in die Haut eindringen können. Dafür braucht man Wärme, Zeit und direkten Hautkontakt. Einfach draufliegen reicht nicht.
Die Sandbadtherapie: wie sie wirklich gemacht wird
Bei der sogenannten Heißen-Sand-Therapie nimmt die zu behandelnde Person etwa eine halbe Stunde lang ein heißes Sandbad. Bereits nach zehn Anwendungen zeigt sich eine positive Wirkung.
In der Praxis bedeutet das: Man gräbt sich ein. Hüfte, Beine, Rücken, je nach Beschwerden. Der Sand auf Porto Santo heizt sich in der Sonne auf bis zu 50 Grad auf und gibt diese Wärme gleichmäßig an den ganzen Körper ab. Das ist kein Wellness-Gimmick, sondern eine Behandlung, die man über Wochen regelmäßig anwenden soll, nicht einmalig für ein Urlaubsfoto.
Angewendet wird die Sandbadtherapie bei rheumatoider Arthritis, Arthrose, Gicht, Osteoporose und Fibromyalgie. Die Einheimischen auf Porto Santo schwören seit Generationen darauf. Wer von der Insel stammt, kennt jemanden, der den Sand regelmäßig nutzt.
Was die Wissenschaft sagt, und was nicht
Hier wird es ehrlicher. Die Wirksamkeit der Thalassotherapie konnte bislang nicht vollständig durch kontrollierte Studien belegt werden. Das ist ein wichtiger Punkt. Die Universitätsstudien aus Oslo und Aveiro belegen die besondere mineralische Zusammensetzung des Sandes, keine Frage. Aber der direkte Nachweis, dass zehn Sandbäder Arthrose messbar verbessern, ist schwieriger zu führen als Tourismusbroschüren suggerieren.
Was man sagen kann: Der Sand enthält Stoffe, die in der Medizin als relevant gelten. Der Mechanismus der Aufnahme durch die Haut ist biologisch plausibel. Und die Tradition ist alt genug, um ernst genommen zu werden. Ob es im Einzelfall hilft, hängt von der Person, der Erkrankung und der Regelmäßigkeit der Anwendung ab.
Wer mit einer schweren Gelenkserkrankung anreist und erwartet, nach einer Woche beschwerdefrei zu sein, wird enttäuscht. Wer die Sandbäder als ergänzende Maßnahme versteht und mindestens zwei Wochen einplant, berichtet in vielen Fällen von positiven Effekten.
Thalassotherapie: mehr als nur Sand
Die Thalassotherapie auf Porto Santo umfasst nicht nur den Sand. Sie basiert auf der therapeutischen Nutzung von Meerwasser, Algen, Meerschlamm sowie Sonne und Meeresluft. Wissenschaftlich bestätigt ist, dass die hohen Anteile an Chrom, Strontium und Jod im Sand in Verbindung mit Wärme heilend wirken.
Die Thalassotherapie nutzt Meerwasser als Behandlungsform, bei der Magnesium, Kalium, Kalzium, Natrium und Jod durch die Haut aufgenommen werden. Behandlungen umfassen warme Meerwasserduschen und -bäder, Meeresalgenwraps und Algenschlammmassagen.
Das Thalassotherapiezentrum im Hotel Vila Baleira ist die bekannteste Adresse auf der Insel für professionelle Anwendungen. Wer sich nicht selbst im Sand vergraben möchte, kann dort Behandlungen buchen, die auf denselben Grundprinzipien basieren, nur kontrollierter und ohne Schaufel.
Für wen es sich lohnt
Wer jung, gesund und ohne Gelenkprobleme auf Porto Santo ist, wird vom Heilsand nichts merken. Der Strand ist schön, das Wasser klar, das reicht als Argument.
Wer Gelenk- oder Muskelprobleme hat, sollte die Sandbadtherapie wirklich ausprobieren, aber richtig. Mindestens 20 bis 30 Minuten eingraben, täglich, über mehrere Tage. Viel Wasser trinken danach, der Körper verliert beim Schwitzen einiges. Am besten morgens, bevor die stärkste Mittagshitze einsetzt.
Wir haben es einmal ausprobiert, nicht wegen Beschwerden, sondern aus Neugier. Das gleichmäßige Wärmen von allen Seiten ist ein merkwürdig angenehmes Gefühl, das man von nichts anderem kennt. Ob die Mineralien dabei in unsere Haut eingezogen sind, wissen wir nicht. Es war trotzdem gut.






